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EB / Metronom Nr. 38 Juni/Juli 1992:

"Aus einem Duo für Insider werden Deutschlands neue Pophelden" oder

"Aus eigener Kraft ganz nach oben!"

 

So oder ähnlich könnten die Überschriften lauten, unter denen über das im Mai erschienene Erstlingsalbum "No Happy View" des Hamburger Duos Wolfsheim berichtet werden wird. Obwohl solche Töne momentan noch ein wenig übertrieben wirken, stehen sie für einen Sachverhalt der für Peter Heppner und Markus Reinhardt in absehbarer Zeit durchaus wohltuende Realität werden könnte.

 

Nach den Erfolgen, die ihnen ihre Maxis "The Sparrows And The Nightingales" und "Itīs Not Too Late (Donīt Sorrow)" bescherten, läßt ihr Album mit dem verheißungsvollen Titel "No Happy View" erfolgreiche Perspektiven für die Zukunft erwarten.

 

Wolfsheim vereinigt in sich all die Elemente, die für eine erfolgsorientierte Band von Bedeutung sind. Und da ist an erster Stelle ihr musikalisches Potential zu nennen, das, aufbauend auf eingängigen, aber auch innovativen Popsongs, nicht nur dem einschlägig vorbelasteten Publikum gefallen dürfte, sondern auch auf der kommerziellen Ebene aufrütteln könnte. Da Deutschland in den letzten zehn Jahren ja nicht gerade von eigenständigen, überzeugenden Vertretern der populären Musik überrannt wurde - Anfang der 80er wußten noch Acts wie Alphaville dem gegenüber synthetischer Musik aufgeschlossenen Massenpublikum wahre Entzückungsschreie zu entlocken, und auch die als deutsche Depeche Mode gehandelten Camouflage ragten aus dem Einheitsbrei der Hitlisten ihrer Zeit wohltuend heraus - ist es heutzutage umso wichtiger, daß Gruppen wie eben Wolfsheim, die bisher im vielbeschworenen Untergrund ihr Schattendasein fristeten und nun zum Angriff auf die etablierten `Größen` blasen, auf möglichst große Akzeptanz stoßen.

 

Das grundlegende Problem liegt dabei allerdings nicht nur bei den Künstlern selbst, sondern auch und gerade bei den sogenannten Major-Companies. Die momentane Situation zeigt, daß es den großen Gesellschaften offenbar nicht möglich ist, eine Band von Grund auf aufzubauen. Die Ìndieī-Projekte, die bei ihnen unter Vertrag stehen, wurden ausschließlich aufgrund ihrer Erfolge auf dem Independent-Markt eingekauft und eben nicht, weil irgendwo ein gewiefter Promoter sitzt, der eine Nase dafür hat, welche Bands auch längerfristig gesehen dauerhaften Erfolg haben könnten.

  

Das musikalische Potential von Wolfsheim und die Tatsache, daß Peter und Markus sich voll und ganz nur auf ihre Songs konzentrieren, läßt ohne große Übertreibung erwarten, daß sie in einigen Jahren Charts-Status erreicht haben werden. Daran dürften zwei Leute nicht ganz unbeteiligt sein: Zum einen Carlos Peron, Produzent und musikalischer Ziehvater, zum anderen Lothar Gärtner, Chef ihres Labels Strange Ways. Wie sehen diese beiden im Hintergrund Agierenden die Möglichkeiten, die sich für Wolfsheim in der Zukunft eröffnen?

Lothar: " Carlos und ich haben für Wolfsheim ein genau durchdachtes Konzept aufgebaut, daß es uns auch erlaubt, als sogenanntes Indie-Label konkurrenzfähig zu arbeiten. Es ist nicht beabsichtigt, die Band gleich nach den ersten Erfolgen an einen Major zu verschachern. Unser Ziel vielmehr ist, Wolfsheim erst einmal vor den īgefährlichenī Majors zu schützen, damit sie nicht gleich verheizt werden."

Carlos: " Wolfsheim gehört zu den wenigen Bands, deren Musik durch den Bauch geht, und die dabei auch durch Charisma überzeugen können. Sie gehören nicht zu denen, die wie z. B. Matthias Reim, mit einem Deppenhit an die Spitze gehen. Außerdem ist bei den Majors immer die Gefahr gegeben, daß der betreuende PR-Mann irgendwann das Handtuch wirft und wir jemanden vor die Nase gesetzt bekommen, dem Wolfsheim nicht gefällt. Bevor dann die Firma ihren Mann feuert, würde erst die Band abgesägt, und das Risiko wollen wir lieber gleich ausschließen."

 

Dennoch fungiert Warner / Hanseatic als Co-Verlag. Wie ist dieser Kompromiß zu erklären?

Lothar: "Bei Warner wissen wir, daß mit Norbert Masch jemand auf dem richtigen Stuhl sitzt, der auch noch in drei Jahren da ist. Mit ihm und Andrea, die Wolfsheim betreut, sitzen da also zwei Personen, auf die man sich verlassen kann. Dazu Carlos und ich, das ist ein Team im Hintergrund, mit dem Wolfsheim arbeiten kann."

 

Von hämischen Presseignoranten als `provinzieller Depeche Mode-Verschnitt` abgetan, hatten Peter und Markus bei ihren ersten zaghaften Anklopfversuchen an Majortüren dieselben mehrmals vor der Nase zugeknallt bekommen. Woher nun auf einmal diese Aufmerksamkeit?

Markus: "Vielleicht fragen sie sich jetzt, warum sie uns anfangs so verschmäht haben. Den genauen Grund kenne ich allerdings auch nicht. Es ist schon so, daß sie gerne erst andere die Drecksarbeit machen lassen, bevor sie selbst einen Handschlag tun."

 

Beim Durchhören von "No Happy View" fällt ein starker stilistischer Bruch innerhalb der Songs auf. Auf der einen Seite sind da die Ohrwürmer wie "The Sparrows And The Nightingales" und "Itīs Not Too Late", dann die verträumt und balladesk wirkenden "Annie" und "This Time", schließlich die eher dem Dark Pop zuzurechnenden "Kissing The Wall" oder "Anybodys Window".

Markus: Unsere poppigen Strukturen waren von Anfang an vorhanden, sie kommen nun lediglich mehr zum Vorschein. Carlos hat in unseren Songs die Hitqualitäten erkannt, während Lothar mehr ein Fan unserer romantischen Seiten ist. Daß wir teilweise stilfremde Songs haben, liegt daran, daß Peter und ich zwei sehr verschiedene Charaktere sind, die sich irgendwo treffen, und genau dieser Treffpunkt ist Wolfsheim. Während unserer Reifungsprozesse mangelte es uns an Vorbildern, daher fallen diese untypischen Arrangements wie z. B. bei "Kissing On The Wall" natürlich mehr ins Gewicht."

 

Ihre Position auf dem Musikmarkt, wie er sich zur Zeit darstellt, sehen Wolfsheim noch nicht genau definiert, das Abschneiden von "No Happy View" wird weiteres klären. Entscheidend für die Zukunft ist vor allem ihre gesunde Fähigkeit, zeitlose Popsongs zu kreieren, die neben tanzbaren Elementen auch ganz bewußt verträumte Augenblicke haben und eine leicht schwarze Romantik ausstrahlen. Live-Auftritte sind für die nahe Zukunft nicht geplant, dafür eine Wiederveröffentlichung von "The Sparrows And The Nightingales" mit neuem Cover und in neuer Abmischung, zu der voraussichtlich parallel ein Video erscheinen soll - in Szene gesetzt von Leni Riefenstahl!

 

Die ersten Schritte auf der Erfolgsleiter haben Wolfsheim also bereits hinter sich, die nächsten sind bereits in Angriff genommen. Warten wir ab, wohin sie Lothar, Carlos und Warner bringen werden...

 

Ollie Kerinnes