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Indigo Notes Nr. 30 März 1996: 

Wolfsheim - "DAVON TRÄUMEN, MENSCH ZU SEIN..."

 

Man kann es nicht anders sagen: Dreaming Apes, das neue Album von Wolfsheim, ist hervorragend geworden!

  

Die Wolfsheim von 1996 zeigen sich gereifter, beziehen wesentlich mehr Aspekte in ihre Arbeit ein als noch auf Popkiller. Die "bitter-", bzw. "zuckersüßen" und eingängigen Melodien sind zwar nach wie vor das Markenzeichen der Hamburger - wie es die im letzten November erschienene Maxi Closer Still eindrucksvoll belegt - , aber immer häufiger wagen Wolfsheim den Blick über den Tellerrand des Pop. 

So bietet Dreaming Apes neben den obligatorischen Elektropop-Songs im Stile von Closer Still kurze, klassisch anmutende Instrumentalstücke, kleine experimentelle Segmente und spartanisch instrumentierte Balladen: Old Man´s Valley, bei dem Peters Stimme nur von einer leisen Gitarre, einer Mundharmonika und ruhiger Percussion begleitet wird, ist hier mein Favorit. Und da es mittlerweile fast schon NOTES-Tradition ist, anläßlich eines neuen Albums ein Interview mit Peter Heppner und Markus Reinhardt zu machen, soll auch bei Dreaming Apes keine Ausnahme gemacht werden...

 

?: Was bedeutet denn Dreaming Apes, der Titel eures neuen Albums?

Peter: Mit den "träumenden Affen" sind wir Menschen gemeint. Wir reden uns ja häufig und gerne ein, keine Tiere mehr zu sein. Wir denken aber, daß die Menschen eigentlich Affen sind, die davon träumen, Menschen zu sein...

Markus: Wir haben diesen Titel auch deswegen gewählt, weil er eine Art "inhaltlicher Essenz" der Texte aller Stücke des Albums bildet. Man kann ihn als eine Zusammenfassung all dessen ansehen, was auf dem Album gesagt wird, und als programmatisch für die Stimmung, die in den Stücken vorherrscht.

 

?: Auf einigen Stücken des neuen Albums - wie ja auch schon auf dem Now I Fall-Mix der Closer Still-Maxi - scheint ihr ein wenig mit dubbigen Technogrooves zu liebäugeln. Was haltet ihr denn vom Techno und den dazugehörigen Veranstaltungen?

Peter: Also mir ist Techno zu laut, zu viel, zu bunt, zu extrem...

Markus: Ich denke, es gibt in der Masse der Veröffentlichungen zu wenig wirklich Originelles. Ich lehne Techno zwar nicht kategorisch ab, es gibt aber nur wenige Stücke, für die ich mich begeistern kann.

Peter: Ich kann auch nicht sagen, daß wir mittlerweile "mit Technogrooves liebäugeln". Es war auf jeden Fall nicht geplant, daß die Stücke so wirken. Vielleicht sind wir ja, ohne es zu wissen, ein wenig vom Techno beeinflußt?

 

?: Andere Stücke auf Dreaming Apes, z. B. Old Man´s Valley und Übers Jahr, klingen dagegen "organischer" als frühere Songs. Deutet sich da vielleicht ein leichter Stilwechsel vom rein elektronischen Sound hin zu "echten" Instrumenten an?

Markus: Wir wählen die Sounds eigentlich nicht nach dem Gesichtspunkt aus, ob sie nun "elektronisch" oder "organisch" klingen. Der Sound muß letztendlich zu der in einem Stück erzeugten Stimmung passen. Hinzu kommt aber, daß wir mittlerweile über ein besseres Equipment und über größeres technisches Konw-How verfügen als früher. Wir haben heute also viel bessere Möglichkeiten, unsere Stücke originell und abwechslungsreich zu instrumentieren, und auch einmal zu einer elektronischen "Gitarre" oder zu einer "Sitar" zu greifen.

 

?: Was mir an Dreaming Apes sofort angenehm auffiel, waren die kurzen Instrumentalstücke, die quasi als Überleitung zwischen den Stücken stehen. Wie kam es denn zu diesen "short pieces"?

Peter: Die Instrumentalstücke waren gar nicht als "Überleitungen" konzipiert, und es ist eher ein Zufall, daß sie jetzt so wirken. Sie sind eigentlich Fragmente, die uns aber im "Rohzustand" so gut gefielen, daß wir sie kurzentschlossen mit auf das Album genommen haben.

 

?: Habt ihr eigentlich irgendwelche Beziehungen zu Kinderliedern? Dreaming Apes beginnt ja mit Guten Abend, Gut´ Nacht, und viele Wolfsheim-Melodien wirken in ihren einfachen Verspielheit doch auch ein wenig wie Kinderlieder...

Markus: Man kann sich doch Kinderliedern überhaupt nicht entziehen, im Kindergarten wird man damit ja geradezu vollgestopft! Eine gewisse Beziehung zu Kinderliedern hat daher wohl jeder. Unsere eingängigeren Melodien sind allerdings am Pop orientiert, und wir sind uns zumindest nicht bewußt, von Kinderliedern beeinflußt zu sein. Bei Annie z. B. geht es ja um ein Kind, und wir haben da natürlich versucht, auch in der Melodie eine gewisse Kindlichkeit auszudrücken. Hinzu kommt noch, daß Guten Abend, Gut´ Nacht nicht als Einleitung oder Motto für das Album gedacht war. Das Thema bildet das Intro zu dem Stück Upstairs und steht eher zufällig an solch exponierter Stelle.

 

?: Aus welchen Gründen habt ihr euch entschlossen, bei Dreaming Apes - wie ja auch schon bei der Closer Still-Maxi - wieder mit José Alvarez als Produzenten zusammenzuarbeiten?

Peter: Wir verstehen uns mit José sehr gut. Er ist für Wolfsheim der ideale Produzent, da er die Stimmungen unserer Stücke nachvollziehen kann. Er hält sich nicht so lange mit der Instrumentierung der Stücke auf, sondern achtet vor allem darauf, ob ein Stück im Ganzen stimmig ist.

Markus: Wir haben mit José schon No Happy View aufgenommen, und dieses Album ist innerhalb von nur zwei Studiowochen entstanden. So etwas ist nur mit jemandem möglich, der unsere Ansprüche an die Musik nachvollziehen kann. Wir sind auch fast immer einer Meinung, wenn es um Veränderungen oder Verbesserungen an den Stücken geht. Und da wir an Dreaming Apes immerhin drei Monate im Studio gearbeitet haben, ist es auch wichtig, daß man sich persönlich nahesteht - sonst läßt sich eine solche Extremsituation kaum bewältigen.

 

?: Wird es zu Dreaming Apes auch eine Tour geben?

Peter: Es wird im Mai 1996 eine Tournee geben, auf der wir zum ersten Mal alleine auftreten. Wir haben sonst immer auf Festivals gespielt, oder sind zumindest mit Vorgruppe unterwegs gewesen. Demnach werden wir diesmal eine Show präsentieren müssen - und können, die exakt auf uns und unsere Musik zugeschnitten ist. So werden wir z. B. einen Lichtmischer mitnehmen, der zu jedem Stück ein individuelles Lichtprogramm entwirft. Weitere Einzelheiten sind noch in Arbeit, bzw. bisher noch nicht entschieden.

 

?: Was war es eigentlich für ein Gefühl, als 55578, eure Compilation vom letzten Jahr, in die Charts einstieg? Sind eure kommerziellen Erwartungen an Dreaming Apes dadurch gestiegen?

Peter: Wenn ich sagen würde, ich würde nicht hoffen, daß auch Dreaming Apes in die Charts kommt, würde ich lügen. Aber ich messe den Erfolg des Albums nicht am Chartseintritt...

Markus: Die Meinungen der Hörer sind uns letztendlich wichtiger als eine gute Chartsplatzierung. Mich interessiert schon sehr, wie die persönliche Wertung der Fans ausfällt. Wenn uns viele Leute sagen, daß Dreaming Apes ein tolles Album geworden ist, stört es eigentlich überhaupt nicht, wenn es nicht in die Charts einsteigen sollte.

 

?: Was mich einmal interessieren würde: Im letzten Interview in der NOTES (mit Nikkel Pallat, NOTES # 20) habt ihr gesagt, Markus sei ein "Tagmensch", während Peter nur nachts so richtig in Schwung käme. Wann probt ihr denn dann - bei Tag oder bei Nacht...?

Peter: Wir proben dann wenn Markus noch wach ist, und ich schon wach bin... Im Studio oder auf Tournee müssen wir uns dann auf einen ganz speziellen Rhythmus einstellen, den wir beide nicht haben - da müssen wir uns dann beide gleichermaßen umgewöhnen.

 

Interview: Sz