|
Multimedia... . Galerie
|
SubLine Nr. 7/8 Juli/Aug. ´92: Wolfsheim: Über die Wohltaten der Finnischen Sauna
Wen nimmt´s noch wunder, daß die Finnen ein so kreatives Völkchen sind, verdanken wir ihnen doch die Erfindung von SAAB und Sauna. Und nun auch von: WOLFSHEIM. Wenn man der Legende nämlich glauben will, wird WOLFSHEIM in einer finnischen Sauna aus der Taufe gehoben. Was lag also näher, als sich für SUB LINE mit den beiden Paten zu einem vergnüglichen Schwitztrip zu treffen?
WOLFSHEIM ist eine literarische Figur aus F. Scott Fitzgeralds "Großem Gatsby". "Das tut aber nichts zur Sache", bescheinigen mit Peter Heppner (Gesang) und Markus Reinhardt (Instrumentierung), die die Feder führen bei einer der Nachwuchsbands der Deutschen Indiepop-Szene. 1991 beginnt die stark aufwärts weisende Karrierebahn der beiden Hanseaten mit der Veröffentlichung der ersten Maxi "The Sparrows And The Nightingales", die ebenso zum Verkaufsschlager avanciert wie das seit März vorliegende Nachfolgewerk "It´s Not Too Late".
Dieser Tage erscheint nun das erste stundenfüllende "No Happy View" (siehe auch LP-Kritik). Worin liegt der Erfolg des WOLFSHEIM-Phänomens begründet? Zunächst bestechen sämtliche Veröffentlichungen durch Abgeklärtheit und kompositorische Reife. Jede Menge Ohrwurmverdächtiges kommt da auf leisen, einfühlsamen Sohlen geschlichen. Sehr rhythmische Elektronik mit unaufdringlich melancholischer Stimme, mal sehr dancefloororientiert wie in "Leanding Men", mal sehr morgenrötlich und unschuldig wie in "Annie". Carlos Peron, einstiger Vorkämpfer für die Belange Yellos, sorgt nach musikalischer Vorarbeit des Duos dafür, daß die Produktion sich mit der europäischen Spitzenklasse messen kann. "Es ist eine sehr kameradschaftliche Zusammenarbeit mit Carlos. Jeder ist sehr offen für die Ideen des anderen. Das schafft ein gutes Klima", kommentiert Reinhardt dampfverhangen - doch quicklebendig - die Studioarbeit. WOLFSHEIM zeigt sich qualitätsorientiert. "Die Lieder sind sehr tief empfunden. Wir setzen uns nicht hin und komponieren zackzack ein Hitlied. Die Songs entwickeln sich ganz langsam, wir gewöhnen uns über die Zeit daran, und erst, wenn sie uns nach zwei oder drei Monaten noch gefallen, werden sie echten WOLFSHEIM-Liedern."
Dem Vorwurf der Kommerzialität begegnet man mit einem Achselzucken, das uns sagen soll: Wir tun, was wir tun, und planen keinen Erfolg. Ob "No Happy View" allerdings eine vage Prophezeiung wird? Denn wie´s künftig so weitergehen wird- niemand weiß es. In Bälde live on stage, hier und da, aber man will in erster Linie einmal abwarten, welchen Niederschlag das Album in den Kassen findet. Man "plant" eben nicht den Erfolg und gießt dafür lieber noch etwas Wasser nach, was sich schleunigst davonmacht.
Von einem jedenfalls haben mich WOLFSHEIM restlos überzeugt: Entgegen der festen Meinung eines entfernten Vetters aus Finnland (ich erwähnte ihn jüngst, wenn ich mich recht erinnere), gibt es die Finnische Sauna auch außerhalb der Finnischen Grenzen. Es gibt sie, oja, sie lebt, und welche Wohltaten hält sie für uns bereit!
Martin von Arndt |