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Sonic Seducer Dezember/Januar 1999: 

Wolfsheim live

 

Im Ruhrgebiet hat sich die Zeche Carl zu Essen über die Jahre zu einem festen Bestandteil der Konzert-Szene des Untergrunds entwickelt. Gerade Freunde des heftigen Metals und alle Freunde schwarzer Klänge kamen immer wieder auf ihre Kosten, wobei letzteren mit den regelmäßig stattfindenden Gothic Industrial Parties immer besonders gedient ist. Auch am 23.09.1998 hieß es wieder G.I.P., wobei sich viele Besucher beim Anstehen fr das zuvor auf dem Programm stehende Konzert von Wolfsheim fragten, wofür denn G.I.P. stehen könnte, das per Plakat für den gleichen Abend angekündigt wurde.

 

Anstehen ist auch gleich das richtige Stichwort, denn die Zeche war schon einige Wochen vor dem Termin ausverkauft. Trotz des Andrangs gelangten die zum Teil aus dem Hochsauerlandkreis angereisten Fans verhältnismäßig zügig in den größeren der zwei Konzertsäle der Zeche. Dabei wurde man an einer Bar sowie dem Merchandising-Stand vorbeigeschleust, an dem kurzärmelige T-Shirts für DM 25.00 angeboten wurden, was durchaus noch im Rahmen ist.

 

Der für 21.00 Uhr angekündigte Konzertbeginn verzögerte sich um nur acht Minuten und 16 Sekunden. Dank des leicht abschüssigen Hallenbodens hatten selbst wachstumsmäßig herausgeforderte Personen gute Chancen, die Herren Heppner und Reinhardt auf der erhöhten Bühne zu Gesicht zu bekommen. (Die Zeitangabe im vorherigen Satz ist natürlich geschätzt.) Auch war es um kurz vor 21.00 Uhr noch möglich, sich einige Meter durch die bereits versammelten Fans gen Stage zu bewegen. Mit Einsatz des Intros verdichtete sich die Menge jedoch sehr, so daß es später kommenden schwer gemacht wurde, zur Bühne oder zumindest in die Nähe zu gelangen.

 

Auftritte Wolfsheims kann man treffend als Darbietung beschreiben, da Peter Heppner sehr konzentriert Mikrofonständer und Mikro festhält und auf der Bühne keine Wanderungen unternimmt. Markus Reinhardt verläßt sein Tasteninstrument ebenfalls nicht. Auch der aufgestellte Notenständer verlieh diesem Auftritt wie so vielen zuvor ein klassische Note. Seiten des darauf befindlichen Textbuches schlug Sänger Heppner nach jedem Song um. Wie vor der Tour bereits zu lesen war, sollte in erster Linie ein Querschnitt aus der siebenjährigen Schaffenszeit geboten werden, der bis dato fünf Alben und acht Maxis entstammten. Erwartungsgemäß spielten Wolfsheim "Elias", "Now I Fall", "A New Star System Has Been Explored" und natürlich "It´s Not Too Late" und "The Sparrows And The Nightingales". Wie bereits auf anderen Konzerten ertönten die meisten Stücke in einer leicht bearbeiteten Version. "The Sparrows And The Nightingales" wurde mit sehr akzentuiertem Beat versehen, und auch das Tempo schien um ein paar Nuancen angehoben geworden zu sein, aber dem begeisterten Publikum kam dies nur entgegen. Den nach Essen gereisten Fans schienen die langsameren Stücke besonders zu liegen, da diese noch höheren Beifallspegel erzielten. "Über´s Jahr", welches in der letzten von drei Zugaben enthalten war, "This Time" und, wie könnte es anders sein, "Annie" war mir die alternative Version nicht so lieb, weil das kristallklare 'Glockenspiel' der Bearbeitung zum Opfer fiel, dem viele Wolfsheim-Fans einen bevorzugten Platz in ihren Herzen einräumen.

 

Wenn auch die Bühnenshow keine Innovationspreise einheimsen wird, da außer einer soliden, nicht zu effektvollen Light-Show nicht viel passierte, so verdient doch ein Effekt besondere Erwähnung. Zum Song "This Time" und zu einigen anderen fiel von der Bühnendecke eine Regenwand, die Zuschauer und Künstler trennte und im Scheinwerferlicht besonders schön anzusehen war.

 

Die durch die Ankündigung zum Tourinhalt niedrig gesteckten Erwartungen bezüglich neuer Songs wurden am 23.10.1998 weit übertroffen. Die drei Tracks der aktuellen Maxi "Once In A Lifetime", Titelsong, "Heroine She Said" und "Love Is Strange" waren noch zu erwarten gewesen, daß aber gleich drei neue Songs zu hören sein würden, hat wohl kaum einer der zahlreichen Gäste erwartet. Einer dieser Songs sei erst zwei Tage vor dem Auftritt fertiggestellt worden, wie Peter Heppner in der Ansage bekanntgab.

 

Persönlich war ich vom Konzert überaus begeistert. Die Enge im Saal löste sich während des Konzertes auf wundersame Wiese ein wenig und selbst die Klimaanlage hat hier und da Frische in den Raum transportieren können. Die Hauptsache aber, der Act, war tadellos. Ein stimmlich gereifter Peter Heppner versteht es, den melancholischen Songs, sowohl den balladenhaften wie den druckvolleren, live diesen besonderen Wolfsheim-Charme zu verleihen, den man wohl am bestem mit 'angenehme Schauer auf dem Rücken auslösend' bezeichnen kann. Natürlich hat jeder Besucher seine persönliche Liste der zu Unrecht nicht gespielten Songs und manche Besucherinnen und Besucher konnten sich auch nicht davor schützen, die Textkenntnis anderer Besucher am Ende der Show beurteilen zu können. 

 

Der fast schon traditionelle Versinger von Heppner fehlte auch nicht, "Heroine She Said", aber einer so sympathischen Band wie Wolfsheim, die fernab peinlicher Star-Allüren à la Gallagher ihren Weg geht, verzeiht man stehenden Fußes, ach, was rede ich, das macht die Herren Heppner und Reinhardt nur noch sympathischer, und es freut mich, zu sehen, daß sich der verdiente Erfolg in Form von Charteinstiegen einstellt. Hoffentlich nicht nur "Once In A Lifetime".

 

Text: Thomas Abresche