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SAX März 1999:

Wolfsheim - Beobachter

Das Warten hat ein Ende - das neue Wolfsheim-Album "Spectators" ist mit einiger Verspätung erschienen. Im zweiten Teil der Tour kommt das Duo auch in diese Stadt. Vorab sprach Uwe Stuhrberg mit Markus Reinhardt.

 

SAX: Zu "Spectators" war es kein gerader Weg. Erst sollte es nur eine EP werden, dann wuchs diese zum Album, dessen Produkton aber wiederum viel länger gedauert hat, als geplant war.

MARKUS REINHARDT: Ja, wir haben die Veröffentlichung ein paar Mal verschoben. Daß es jetzt geklappt hat, selbst da war noch Glück dabei. Das größte Glück aber ist, daß das Stück "Künstliche Welten" noch auf den letzten Drücker fertiggeworden ist, da haben wir für den Feinschliff noch mal Überstunden gemacht. Vorher war nicht klar, daß es deutschsprachig ist und es war auch nicht mal klar, ob wir es nun nehmen oder nicht. Sonst wäre es wieder eine Wolfsheim-LP unter 40 Minuten gewesen.

 

SAX: Welche Bedeutung hat "Spectators" für die Wolfsheim-Biographie?

MARKUS REINHARDT: Im Moment stecke ich noch zu tief in der Geschichte drin, um das beurteilen zu können. Aber ich denke, daß der Stellenwert noch höher sein wird, als bei "Dreaming Apes". Die war auch extrem wichtig, aber vom Gefühl her ist die Stimmung jetzt noch besser.

 

SAX: Durch die Verzögerung habt ihr einen Teil der Tour schon vor der Veröffentlichung bestritten. Hat sich durch diese Konzerte das Album noch einmal verändert?

MARKUS REINHARDT: Von der Stimmung her auf jeden Fall. Wir waren überwältigt von der Resonanz- überall war es ausverkauft. Und mit diesen Eindrücken ins Studio zu gehen, das macht schon was aus. Es war aber nicht so, daß wir uns gesagt haben: Die tanzbaren Stücke kamen gut an, laßt uns noch etwas tanzbares Material machen.

 

SAX: Wie entscheidet ihr, daß ein Song einen deutschen Text bekommt?

MARKUS REINHARDT: Das ist Gefühlssache. Es sieht natürlich so aus, daß wir auf jeder LP immer ein deutsches Stück haben, aber das ist mehr oder weniger Zufall. Einige Stücke sind von ihrer Grundstruktur her dafür prädestiniert, das in Deutsch auszudrücken. Diesmal kam hinzu, daß wir für "Künstliche Welten" gar keinen englischen Text hätten nehmen können, weil die native speaker, die unsere Texte kontrollieren, nicht zur Verfügung standen.

 

SAX: Auf der Single "Once In A Lifetime" findet sich auch eine Coverversion des Buddy-Holly-Songs "Love Is Strange". Wie seid ihr gerade auf diesen musikalisch entfernten Song gekommen?

MARKUS REINHARDT: Es ist natürlich gerade diese Entfernung, die uns gereizt hat und es interessant macht. Den Song konkret wünschte sich Lothar Gärtner, der Gründer unseres Labels Strange Ways, denn "Love Is Strange" ist der Namengeber des Labels. Wir hatten auch mal geplant, eine Cover-EP zu machen, aber wir wissen immer nicht so recht, was wir dafür auswählen sollen. Da kam der Vorschlag von Lothar gerade richtig.

 

SAX: Auf "Spectators" experimentiert ihr mit Sounds, die bislang bei Wolfsheim nicht zu hören waren. Hat sich das unterbewußt entwickelt oder habt ihr bewußt nach neuen Klängen gesucht?

MARKUS REINHARDT: Das hat sich entwickelt. Bei "Touch" etwa ist ein Sound ganz leise im Hintergrund zu hören, der aber sehr viel Stimmung vermittelt, wie so ein kleines Glockenspiel. Den habe ich 1984 auf einem uralten Ghettoblaster aufgenommen. Kurz vor dem Studiotermin habe ich ihn wiederentdeckt und gedacht: Es wäre geil, den zu verwenden. Es hat aber auch mit Erfahrungswerten zu tun, daß und wie man experimentiert, und ebenso mit der Zeit. Wir haben schließlich sechs Wochen mehr an diesem Album gearbeitet als an "Dreaming Apes".

 

SAX: Ihr seid für eure spartanische Live-Performance bekannt. Wird es dabei bleiben oder wollt ihr auch einmal mit einer Band arbeiten?

MARKUS REINHARDT: Vorerst sind wir zufrieden, wie das gelaufen ist in Verbindung mit der Lichtshow, bei der das Licht die Musik transportiert, ohne von ihr abzulenken. Die Musik ist das Thema und nicht wir als Menschen auf der Bühne. Deshalb wollen wir erst mal zu zweit weitermachen. Wir haben kein schlechtes Gewissen, den Leuten zu wenig zu bieten. Wir wollen mal sehen, was in fünf Jahren ist.

 

SAX: Aber ist mit mehreren Musikern nicht auch die Herausforderung größer?

MARKUS REINHARDT: Klar. Wir nehmen auch Herausforderungen gern an. Aber es ist auch eine finanzielle Frage. Wir haben ja bisher in einem viel kleineren Rahmen gespielt. Außerdem arbeiten wir so lange an den Songs, daß uns die Zeit fehlt, eine Band zusammenzustellen. Es gab auch noch nicht die Initialzündung dafür bei uns, aber vielleicht machen wir das mal.

 

SAX: Wie wichtig ist es für euch, live zu spielen?

MARKUS REINHARDT: Das ist uns schon wichtig. Natürlich ist die Platte wichtiger, und das Label zwingt uns auch nicht, auf Tour zu gehen - schließlich sind wir independent, um machen zu können, was wir machen wollen. Aber die Touren sind schon deshalb wichtig, damit wir Kontakt zu den Leuten haben, die uns hören. Andererseits sind wir auch keine klassiche Rock´n Roll-Band, die durch Touren groß geworden ist. Für uns sind sieben Auftritte am Stück schon irgendwie anstrengend.

 

SAX: Welche Einflüsse außerhalb der Musik sind für euch wichtig?

MARKUS REINHARDT: Wir betonen immer, daß alles wichtig ist. Peter malt ja zum Beispiel noch. Wir schreiben unsere Sachen und sind beide filmbegeistert. Aber es kann auch mal eine Szene beim Bäcker sein oder ein Geruch. Das alles in Verbindung mit anderen Erlebnissen. Deswegen haben wir die LP auch "Spectators" genannt, weil wir uns manchmal als Beobachter sehen. Es ist manchmal so, als würde man durch einen Film marschieren.

 

SAX: Da habt ihr das Angebot, einen Song für den letzten Buck-Film zu schreiben, sicher gern angenommen.

MARKUS REINHARDT: Ja. Das war eine nette Sache, darauf haben wir immer schon gewartet. Wir sind aber ein wenig enttäuscht, daß das Video so wenig läuft, denn das Video geht mit dem Lied und dem Film vollkommen auf.

 

SAX: Wie wird Wolfsheim im Ausland aufgenommen?

MARUS REINHARDT: Ist leider nicht, ein trauriges Thema. Bis jetzt war Strange Ways immer zu klein oder hat sich zu klein gesehen, um dort zu agieren. Und von außen ist noch keiner an uns herangetreten. Aber wir wollen das auf jeden Fall forcieren.

 

SAX: Es gibt neuerdings wieder eine Diskussion um Bands, die von den Medien in die rechte Ecke gestellt werden. Auch ihr mußtet euch schon solche Vorwürfe gefallen lassen.

MARKUS REINHARDT: Man ist da sehr schnell mit einem Urteil, ohne daß es hinterfragt wird. Das ist ein sensibles Thema, und ich finde es eigentlich gut, daß darüber gesprochen wird. Leider hat das aber ziemlich groteske Formen angenommen. Ich denke, daß da mehr die Medien mit diesem Thema kokettieren als wir zum Beispiel. Jeder, der sich mal mit unseren Sachen beschäftigt hat, merkt, daß solche Vorwürfe gegen uns weder Hand noch Fuß haben. Aber manche lesen nur Wolfsheim, denken Wolfsschanze, und schon ist der Stempel drauf.

 

SAX: War der etwas unerwartet große Erfolg von "Die Flut" eher hinderlich oder eher von Vorteil für Wolfsheim?

MARKUS REINHARDT: Ich selbst habe mit dem Lied ja nichts zu tun, aber hundertprozentig richtig kann man diese Frage nicht beantworten. Auf der einen Seite sind die Wolfsheim-Verkäufe schon angezogen, bevor "Die Flut" herauskam. Im Januar ' 97 war "Sparrows" auf einmal in den WOM-Charts, obwohl die Single sieben Jahre alt ist. Dann kam "Die Flut" - natürlich haben sich einige gefragt: Wer ist den dieser Heppner da? Auf der anderen Seite sind wir dadurch in diesen "Rechtssog" reingezogen worden. Obwohl wir das in dem Lied überhaupt nicht sehen. Aber andere sagen eben: Wenn der Heppner solche "schlimmen Sachen" singt, was ist dann wohl Wolfsheim für eine Band.

 

SAX: Aber erzeugt "Die Flut" nicht einen neuen Erwartungsdruck?

MARKUS REINHARDT: Nö. Das Gute ist, daß wir schon so lange dabei sind. Natürlich ist es schön, in die Charts gekommen zu sein. Wir haben aber auch nicht darauf hingearbeitet und das soll auch in Zukunft für uns nicht das Kriterium sein.

 

6.März, Alter Schlachthof (ausverkauft)