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SubLine Nr. 10 Okt. '93:

Wolfsheim: Von Pop-Helden zu Popkillern? Ein Interview

 

Mit ihrer Maxi "The Sparrows And The Nightingales" starteten sie zu ihrem steilen Höhenflug in die weiten Himmel zwischen erfrischendem Elektropop und melancholischem Wave. Spätestens seit ihrem Depütalbum "No Happy View" gilt das Hamburger Duo WOLFSHEIM alias Markus Reinhardt (Instrumente) und Peter Heppner (Gesang) als erfolgreichster Newcomer, der Popfans ebenso zu begeistern vermag wie Teile der Gruftie-Szene.

 

Die Erwartungen an ihr zweites Album waren daher sicher recht hoch gesteckt. Aber WOLFSHEIM wären nicht WOLFSHEIM, wenn sie sich davon hätten übermäßig beeindrucken lassen. Unter dem bedeutungsschwangeren Titel "Popkiller", aufgenommen in der ländlichen Abgeschiedenheit des neuen Studios von Carlos Peron, ist es soeben erschienen. Und es übertrifft sowohl in seiner zielsicheren Symbiose aus eingängiger Popmelodik und feinsinniger Dramatik als auch in puncto Ausdruckskraft das Debüt der beiden um einiges.

 

Über das neue Album, was es mit dem Titel auf sich hat, über sich und einiges andere hatten Markus und Peter einiges zu sagen.

SubLine: Über 40.000 verkaufte Tonträger - das ist für eine deutsche Indie-Band eine stattliche Zahl. Wie geht Ihr mit dem Titel "Erfolgreichste Newcomer" um? Was hat sich für Euch geändert?

Markus: In der Zusammenarbeit zwischen uns beiden hat sich eigentlich nichts verändert, auch nicht zwischen uns und der Plattenfirma. Mit dem Erfolg, der sich jetzt herauskristallisiert hat, gehen wir ganz normal um. Mit dem Begriff "Newcomer" haben wir einige Schwierigkeiten. Wir können uns gar nicht mehr als solche sehen, weil wir schon seit 1987 Musik machen. Unter einem Newcomer verstehe ich eher jemanden, der mehr oder weniger zufällig eine Platte aufgenommen hat, kurz in den Charts auftaucht und dann auch wieder schnell verschwindet - und das wollen wir ja für uns nicht hoffen. Aber natürlich liest man das ganz gerne, erfolgreichster Newcomer zu sein.

Peter: Unser Erfolg ist uns erst nach und nach klar geworden. Wir hatten an der "No Happy View" schon zwei, drei Jahre gearbeitet. Und als das Album dann herauskam, haben wir es im ersten Augenblick gar nicht richtig geschnallt, daß es so erfolgreich ist. Wir hatten gar kein Verhältnis zu irgendwelchen Verkaufszahlen; uns fehlten die Vergleiche.

 

SubLine: Aber inzwischen seid Ihr Euch doch Eures Erfolges bewußt. Habt Ihr da nicht einigen Druck gespürt, was die Qualität Eures Debütnachfolgers betrifft?

Peter: Einen gewissen Druck hatten wir schon, aber nicht, was die Verkaufszahlen angeht. Schwieriger war es, die eigenen Ansprüche zu erfüllen. "No Happy View" war ein Album, das uns auch selbst sehr gut gefallen hat. Ich persönlich bin ein richtiger Fan davon, und ich habe mir gesagt, etwas besseres können wir kaum machen. Aber das geht einem zum Glück jedes Mal aufs Neue so. Nach jedem Lied, von dem man begeistert ist, hat man diese Gedanken. Damit sind wir inzwischen vertraut; von daher war das neue Album für uns kein Problem, und ich finde es mittlerweile wirklich gut und bin von ihm ziemlich überzeugt.

 

SubLine: Bevor ich näher auf das Album eingehe, möchte ich noch etwas anderes von Euch wissen. Euer Erfolgsrezept dürfte darin bestehen, daß Ihr es immer wieder fertigbringt, die eigentlichen Gegensätze von poppiger Tanzbarkeit und waviger Melancholie zu verbinden. Kommen da verschiedene Charaktereigenschaften von Euch zum Ausdruck? Und wie gehr Ihr damit um? - Da liegen doch sicher einige Spannungen in der Luft, oder?

Markus: Das ist schwierig zu beantworten. Es hat ja nicht jeder nur einen Charakterzug, den man in zwei, drei Schlagworten beschreiben könnte. Wolfsheim ist einfach der Ort, wo sich unsere verschiedenen Eigenschaften und musikalischen Einflüsse treffen. Dadurch entstehen dann ganz unterschiedliche Songs.

Peter: Markus und ich sind Typen, die, jeder für sich, ihren ganz persönlichen, eigenen Weg gehen wollen. Uns ist klar, daß wir uns unter diesen Umständen bei Wolfsheim treffen müssen und daß es da dann auch arge Unterschiede gibt. Von uns will jeder unbedingt sein Ding machen. Da muß man Kompromisse finden, und es kommt dann auch zu Reibereien. Das ist aber auch eine Sache, die unserer Musik gut tut, weil wir nur mit Blick auf diese Sache streiten.

 

SubLine: Das paßt gut zu meiner nächsten Frage, denn Reibereien, auf die Sache konzentriert, könnten sich ja auch gut auf Eure Live-Repräsentation auswirken. Im krassen Gegensatz zu Euren überzeugenden Darbietungen der Studioproduktionen stand bisher das Problem, auch mit einer guten Live-Show zu überzeugen. Das ist sicher eine Schwierigkeit, mit der viele Duos, die mit Elektronik arbeiten, zu kämpfen haben. Ihr wolltet daran arbeiten. Habt Ihr diese Hürde inzwischen gemeistert?

Peter: Nein, wir sind da noch am Experimentieren. Die Schwierigkeit ist, etwas auf die Beine zu stellen, was keine Unmengen kostet. Hätten wir einen dicken Haufen Geld zur Verfügung, hätten wir schon längst etwas auf die Beine gestellt. Wir bräuchten Leute, die sich für die Sache begeistern und keine Unsummen dafür verlangen. Doch leider gibt es die nicht wie Sand am Meer.

 

SubLine: Das müssen ja recht gigantische Dinge sein, die Ihr da im Kopf habt. Was schwebt Euch denn in etwa vor?

Peter: Unsere Musik ist nicht so, daß du auf der Bühne abfeiern kannst. Ich kann am Mikro nicht wie ein Verrückter umherspringen. Also muß irgend etwas um unsere Musik herum passieren. Das sollen in irgend einer Art und Weise Showelemente sein, zum Beispiel eine Multimediasache oder auch eine Show im konventionellen Sinne, mit Leuten auf der Bühne. Aber wir sind da überhaupt noch nicht festgelegt.

 

SubLine: Kommen wir zu Eurem neuen Album, das gerade erscheint, wenn dieses Interview veröffentlicht wird. Eine Popband, und die seid Ihr nun mal im weitesten Sinne, die Ihr Werk "Popkiller" nennt. - Was soll man davon halten?

Peter: (lacht) Eine gute Frage. Du fragst nicht, warum das Album so heißt; darauf gibt es keine Antwort. Aber warum wir, die wir als Pop-Band bezeichnet werden, diesen Titel gewählt haben, kann ich dir ganz konkret sagen. "Pop" ist ein sehr schwammiger Begriff, der aber von jedem so benutzt wird, als wüßte er, was das ist. Auf der einen Seite gibt es Leute, für die Pop all das ist, was sich gut verkauft. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die Pop für eine bestimmte Musikrichtung halten, ohne diese näher eingrenzen zu können. Wir wollen mit diesem Begriff einfach abrechnen, gerade auch, weil man uns das immer wieder vorwirft, Pop zu machen. Ich frage dann immer: " Was ist denn Pop?"

 

SubLine: "Popkiller" also als Hör-Anleitung? -"Hört die neue Wolfsheim-Scheibe nicht unbedingt als Popplatte"?

Peter: Ja, so kann man das auch sagen. Es ist aber eher ein Aufräumen mit dem

"Wer weiß, welche Dinge in der nächsten Zeit größere Bedeutung gewinnen."

Vorurteil zu wissen, was Pop ist, und ein Hinweis darauf, daß man diesem Begriff eigentlich nicht so benutzen kann, wie er immer noch benutzt wird.

 

SubLine: Ich benötige den Begriff "Pop" trotzdem noch einmal. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir. ("Klar doch", sagen beide). Ich finde, Eure Gratwanderung zwischen Pop und melancholischem Wave ist mit "Popkiller" sicherer geworden - so sicher, daß Ihr in einigen Stücken wie "Childhood Cruel" oder "Faith" fast schon schicksalhaft-dramatische Anwandlungen verarbeiten könnt.

Peter: Das mit der Gratwanderung hört sich zu gezielt an. Wir machen uns keinen Plan, über diesen Grat zu wandern. Von daher können wir in diesem Punkt nicht sicherer geworden sein. Wir machen einfach (und nur) Musik, die uns gefällt. Wir legen uns dabei nicht fest, welche Musik das werden soll. Und dabei kommt eben diese Mischung heraus, für die wir übrigens schon die verschiedensten Beschreibungen gehört haben. Wo wir sicherer geworden sind, das ist in der Ausführung unserer Ideen.

Markus: "Popkiller" ist auf jeden Fall ein Schritt nach vorn für uns. Wir sind mit diesem Produkt auf jeden Fall sehr zufrieden. Als wir anfingen, daran zu arbeiten, stand "No Happy View" für uns am Ende eines Tunnels, das wir auf jeden Fall auch mit dem neuen Album wieder erreichen wollten. Und wie sind zufrieden, daß wir dieses Ziel erreicht und auch überschritten haben.

Peter: Wir orientieren uns ganz stark an unseren persönlichen Maßstäben. Die mußten übertroffen werden.

 

SubLine: Das ist Euch wirklich gelungen. Zum Beispiel auch damit, daß Ihr mehr mit klassisch mittelalterlichen Harmonien und klassischen Instrumenten liebäugelt.

Markus: Die klassischen Einflüsse waren auch schon früher da. Aber wir standen im Vergleich zum ersten Album diesmal technisch auch mehr Zeit und konnten dadurch diese Dinge besser nutzen. Wer weiß, welche Dinge in der nächsten Zeit größere Bedeutung gewinnen?- Darauf sind wir selbst sehr gespannt.

Peter: Stimmt. Wir verfolgen unsere Entwicklung selbst mit großem Interesse. Wir betrachten uns quasi mit den Augen eines Außenstehenden und fragen uns, wo uns das allen hinführt. Bei der "No Happy View" war mir erst nach einem halben Jahr richtig klar, wo wir musikalisch damit standen. Das ist ein anhaltender Prozeß, der dauert eine ganze Weile, aber ich finde es hochgradig interessant, sich selbst zu beobachten, wohin man geht.

 

SubLine: Da seid Ihr aber mit einer seltenen Fähigkeit gesegnet, denn das können nicht allzu viele Musiker.

Peter: Das mag sein. Aber das bezieht sich nicht nur auf das Musikmachen. Es ist eher ein persönlicher Zug von uns, daß wir unsere Entwicklung reflektieren. Ständige Hinterfragung des eigenen Handelns, das sollte schon sein.

 

SubLine: In einem englisch gesungenen Titel prangert Ihr die Konsumgeilheit an. Er heißt "Kaufraush", also ein deutsches Wort mit amerikanischer Endung...

Peter: (unterbricht) ...eingedeutscht, ja.

 

SubLine: Was wollt Ihr damit ausdrücken? -Kaufrausch, ein deutsch-amerikanisches Phänomen?

Peter: Das ist eigentlich nur ein kleiner Joke am Rande, als Ausgleich dafür, daß so viele Worte eingedeutscht werden. Kaufrausch ist etwas, das überall auf der Welt stattfindet und nicht unbedingt am extremsten in Deutschland. Daher würde ich das nicht so spezialisieren, wie du es vermutet hast. Amerika ist das Land des Kaufrauschs, da wurde er gemacht. Aber es gibt ihn mittlerweile überall.

 

SubLine: Eine Frage zur Produktion. Neben der Angabe, daß Ihr, wie auch auf dem ersten Album, mit Carlos Peron produziert habt, ist auf dem Cover bei zwei Songs von Nine-O-Nine die Rede. Heißt das, diese Stücke sind nicht mit Carlos gemacht worden?

Peter: Nine-O-Nine ist ein Projekt von Carlos, mit zwei Studio-Musikern in Aachen. Die ganze "No Happy View" entstand im Studio von Nine-O-Nine. Diesmal haben wir nur zwei Stücke dort eingespielt, den Rest bei Carlos im Studio.

 

SubLine: Was war der Grund?

Peter: Bei Carlos war es einfach gemütlicher. Und wir konnten auf diese Weise noch enger mit Carlos zusammenarbeiten.

Markus: Außerdem war es für uns auch interessant, einmal ganz woanders aufzunehmen und mit anderen Leuten zu tun zu haben. Wahrscheinlich werden wir uns für die nächste LP wieder etwas anderes suchen, einfach, weil wir nicht an einem bestimmten Punkt stehen bleiben wollen. Wir waren zwar mit den Leuten von Nine-O-Nine sehr zufrieden, aber wir wollen auch weiter blicken, weil wir auch unsere Musik weiter entwickeln und uns dabei ein wenig austoben wollen.

 

SubLine: Ich finde ein bestimmtes Thema sehr interessant, das in Euren Texten immer wieder auftaucht, auf "Popkiller" besonders deutlich im "Lovesong" und bei "Scars Remain". Es geht da um die fast schon philosphische Erkenntnis, daß der Mitmensch, ja sogar die geliebte Person eigentlich nie erreichbar ist, daß es eine Verstehenskluft zwischen den Menschen gibt, die man nie überbrücken kann. Ist das eine Eurer zentralen Erkenntnisse?

Peter: Ja. Das ist eine grundlegende Schwierigkeit im menschlichen Miteinander, die auch immer wieder - neben anderen Themen - in unseren Texten zum Ausdruck kommt. Es gibt ja immer das Problem, aus seiner eigenen Sicht herauszukommen und über seinen eigenen Horizont hinwegzuschauen. Wenn man sich selbst über andere Menschen befragt, stellt man fest, daß es sehr schwierig ist, sich vorzustellen, daß diese genauso sind wie man selbst.

 

SubLine: Das etwas düstere Cover, ein fast schon kafkaeskes Gesicht, das aus der Schwärze auftaucht, scheint ebenfalls mit diesem Thema zu tun zu haben.

Peter: Ja, ein bißchen. Wir haben das Gesicht auf dem Cover deshalb genommen, weil es irgendwie einen Blick hat, den man nicht erkennen kann. Es hat einen Blick, und doch wieder keinen. Das kann man auch auf die Kommunikation übertragen. Man redet nur dann gut mit einander, wenn man mehr tut als einfach nur Worte austauscht.

 

Joe Asmodo