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Re.flexion 2/99

Wolfsheim - Live! Nürnberg-Forum-02.03.99

Der Abend fing vielversprechend an. Das Konzert, das eigentlich im Hirsch stattfinden sollte, wurde kurzfristig, aufgrund der großen Nachfrage, ins Nürnberger Forum verlegt.

Punkt 21.00 Uhr sollte es losgehen. Gespannt warteten die Fans darauf, daß die Akteure die Bühne betraten, denn eine Vorgruppe gab es nicht.

Um 21.00 Uhr stand dann aber nicht Wolfsheim auf der Bühne, sondern der Veranstalter und kündigte an, daß sich der Konzertbeginn um eine halbe Stunde verschieben würde, da noch viele Fans unterwegs vom Hirsch ins Forum waren.

Die anwesenden Fans tolerierten dies und gaben sich damit ab. Dann war es so weit. Wolfsheim betrat die Bühne.

Sie starteten mit einigen älteren Songs und das Publikum war sofort dabei. Leider fiel mir schon zu diesem Zeitpunkt auf, daß sich Peter Heppner zwischen den Songs sehr oft räusperte und auffällig oft zur Wasserflasche griff.

Doch vorerst konnte man nichts auffälliges hören. Das erste Highlight war wohl "Sparrows And The Nightingales".

Sie spielten eine sehr schnelle Version dieses Liedes, die mir nicht so gut gefallen hat. Der Zauber dieses Stückes ging dadurch leider etwas verloren. Dann kündigte Peter voller Stolz "Once in a lifetime" an.

Das erste Stück an diesem Abend von dem neuen Album "Spectators". Doch was war das? Peter verpaßte doch glatt seinen Einsatz, ließ die erste Strophe komplett weg, und konnte erst zum Refrain wieder einsetzen.

Danach trat das ein, was ich anfangs schon befürchtet hatte. Peter kämpfte mit seiner Stimme. Ihm ging oft die Puste aus, so daß er ab und zu einfach mal ein paar Wörter seines Textes wegließ, um nach Luft zu schnappen oder um sich zu räuspern.

Nach einigen Songs kündigte er dann wieder voller Stolz ein Highlight an und zwar die neue Maxi-CD "Künstliche Welten".

Doch der Song endete im Fiasko. Peter hörte sich an, als wäre er im Stimmbruch und traf nicht die richtige Tonlage.

Die Fans erkannten aber die Umstände und der Beifall fiel trotzdem einigermaßen groß aus. Peter kämpfte weiter, aber dennoch bekam er seine Stimme nicht mehr auf Vordermann. Erste bei den Zugaben konnte die Stimme wieder überzeugen, da Wolfsheim immer kurz hinter die Bühne ging und Peter seiner Stimme eine kurze Ruhepause gönnen konnte.

Außerdem wählten sie als Zugaben eher etwas monotonere Stücke, wie z.B. "Elias", aus, bei denen Peters Stimme nicht so viel arbeiten mußte. Puncto Bühnenshow wäre noch zu erwähnen, daß diese ausgesprochen gut gelungen war. Lichteffekte, Dekosäulen und Wasserspiele gaukelten einem vor, daß man sich in einer Unterwasserwelt befände. Diese Atmosphäre paßte sehr gut zu Wolfsheims anspruchsvolle Lyrik.

Leider konnte das aber den Gesamteindruck dieses Abends nicht deutlich verbessern.

Viele Fans, vor allem Neulinge, waren sichtlich enttäuscht und so leerte sich die Halle nach dem Konzert äußerst schnell.

Bleibt zu hoffen, daß sich Peters Stimme schnell erholt und die weiteren Konzerte nicht so enden.

 

 

 

Das 1999er Interview

 

Anläßlich der Erscheinung des neuen Albums "Spectators" und der bevorstehenden Fortsetzung der Konzerttour hatten wir die Möglichkeit, am Telefon mit Markus Reinhardt von Wolfsheim zu sprechen.

./: Das neue Album heißt "Spectators". Was wolltet ihr damit zum Ausdruck bringen? Was war der Hintergedanke?

Markus: Nun, es ist so, daß wir eigentlich noch nie ein Konzeptalbum gemacht haben, wenn man jetzt mal die Vorgänger betrachtet. Und als wir alle Titel zusammen hatten, ungefähr auch wußten was inhaltlich geschehen wird in den Liedern und wie sie klingen werden, standen wir dann vor der Frage "Wie fasst man das zusammen". Man ist dann halt doch immer auf der Suche nach einem LP-Titel und irgendwie ist uns halt der Begriff "Spectators" untergekommen. Da dachten wir, der passt doch ganz gut. Denn erstens wird das zum Teil in den Liedern etwas thematisiert und des weiteren ist es ein sehr facettenreicher Begriff. Also man kann z.B. davon ausgehen, daß wir uns selbst als Zuschauer manchmal sehen. Das hat man so in sich, wenn man sich künstlerisch betätigt. Manchmal hat man das Gefühl als wäre man in einem Film, den man durchläuft und eben das Gefühl hat alles von außen zu betrachten. Also a) sehen wir uns selbst in dieser Rolle, weil wir ja musikalisch Beobachtung wiedergeben und b) was für mich viel wichtiger erscheint, ist der Fakt, wie wichtig es gegenwärtig ist, Zuschauer zu sein und viele Menschen sich auch zu Zuschauern degradieren lassen, indem sie unreflektiert irgendwelche Nachrichten wahrnehmen oder immer mehr und mehr fordern, unterhalten zu werden. Man muß sich ja nur den Boom der ganzen CineMax-Kinos und Unterhaltungsparks vor Augen halten. Das es immer bunter, lauter, schneller im Fernsehen werden muß, wo die Leute erwarten, daß sie sich auf den Sessel setzen können, abschalten können und unterhalten werden - und sich freiwillig degradieren lassen. Wenn das so weitergehen soll, bekomme ich sogar ein wenig Angst davor. Wenn immer weniger Menschen das ganze nicht mehr reflektieren, was sie so wahrnehmen, birgt das die große Gefahr, daß leichter verführt werden kann.

 

./: Wann habt ihr mit "Spectators" angefangen?

Markus: Ich glaube, daß ist jetzt schon 3 Jahre her. Wir hatten vor drei Jahren das erste Stück davon, wo wir gesagt haben, "Wow, das könnte der Anfang für eine neue LP werden." Das Stück war "Once in a lifetime", es entstand schon kurz nach dem wir mit den Arbeiten zu "Dreaming Apes" fertig waren. Damals war das ganze erstmals als EP geplant. Das hat aber der Plattenfirma aber nicht gefallen. Wir hatten dann aber doch unseren Kopf durchgesetzt. Dann ging es aber Peter gesundheitlich nicht so gut und deshalb war es dann schon ein bißchen spät um nur eine EP rauszubringen und so hatten wir dann das innere Bedürfnis und die Bitte der Plattenfirma doch eine LP rauszubringen. Erst haben wir zwar gedacht, daß es ein Problem wird das künstlerische Gesamtbilde der EP aufzubrechen und eine LP daraus zu machen. Wir waren anfangs sehr skeptisch aber es hat dann doch wunderbar gelappt und heute sind wir auch froh, daß da eine LP daraus geworden ist.

 

./: Wie sah die Produktion des Albums aus?

Markus: Diesmal natürlich sehr zerstückelt, nachdem die LP erst als EP geplant war. Also wir waren die letzten 2 ½ Jahre bestimmt an die 6- 7 Termine für je ein bis zwei Wochen im Studio um die Stücke aufzunehmen. Das war im Endeffekt aber auch mehr Arbeitsaufwand, weil z.B. "Once in a lifetime" hatten wir 3mal abgemischt und wenn Du nach zwei Monaten dann wieder anfängst damit zu arbeiten, dann siehst Du doch wieder ein, zwei Sachen anders und hast dadurch mehr Arbeitsaufwand. Also es war diesmal ein anderes Arbeiten als zu den anderen LPs, bei denen war das immer ein bißchen massiver. Da hatten wir nur ein bis zwei Termine, bei denen wir dann alles abgehakt hatten. Deshalb kann es sein, daß diese Platte ein bißchen experimentelleren Charakter hat, weil man doch ein bißchen mehr Zeit hatte etwas auszuprobieren.

 

./: An der neuen CD, wie auch bei den Vorgängern, gefallen mir besonders gut die Texte. Wie entstehen die Ideen für die Lyrik?

Markus: Das ist eigentlich immer schon ein wenig vorbestimmt, da die Musik ja eher da ist als die Texte. Die Lyrik wird durch die Musik bestimmt, welche Gefühle halt dabei entstehen. Ein gutes Beispiel ist "A New starsystem has been explored" wo am Anfang dieser Sprachsample eingespielt wird. Da war dann eigentlich klar, daß der Text irgendwie über den Weltraum handeln muß. Und das es dann nicht nur eine Hymne auf den Weltraum wird, ist klar. Das liegt an unserem Charakter, daß wir dann eine andere Geschichte daraus machen, irgendwie eine, die ein bißchen mehr Tiefe zeigt.

 

./: Habt ihr ein Anliegen an die Hörerschaft?

Markus: Also. Wir gehen selten mit dem Zeigefinger ran. Selbstinterpretation und Offenheit ist Maßstab. Es gibt aber auch Ausnahmen, z.B. "Heroin she said". Das ist quasi ein Tatsachenbericht, also ein typisches Anti-Drogen-Lied. Das machen wir aber eigentlich selten.

 

./: Die nächste Single-Auskopplung wird "Künstliche Welten" sein, bei dem die Selbstinterpretation etwas schwerfällt. Mach doch bitte mal eine Aussage zum Text!

Markus: Das was ich vorhin gesagt habe, über die Menschen, die sich zu Zuschauern degradieren lassen, das kannst Du im Prinzip auch auf dieses Lied transportieren.

Stichwort: der geheime Verführer! Der geheime Verführer kann ja so was sein: die Werbung, Filme, Versprechen von der Cyberwelt, die irgendwie schöner sein sollte.

Der Text ist nun wirklich so, daß da halt ein Verführer ist, der Dir eine schöne Welt verspricht, in der Du endlich mal Du selber sein kannst, was ja eigentlich völliger Quatsch ist.

Dieser Verführer bedient sich auch wirklich der Sprache der Werbung und des Schlagers. Also beim ersten Hinhören könntest Du ja wirklich denken "Ah ist das schön", man kann sich zurücklegen, und ein Wunder hier und ein da und eine Zauberwelt, in der ich ich selber sein kann und man läßt sich halt verführen. Und das ist genau das Ding.

Das Lied kommt so nett daher, textlich sehr schön, und wenn man ein bißchen tiefer schaut, muß man feststellen wie fies das eigentlich ist, daß man im Endeffekt verführt wird.

Man könnte ja auch denken, daß es ein Liebeslied ist, so schön wie der Text ist, aber wenn man ein bißchen genauer hinhört, stellt man fest, daß es nicht so ist.

 

./: Auf der CD befindet sich auch "It's hurting for the first time", das Titelstück zu dem Film "Liebe deine Nächste" mit Moritz Bleibtreu und Heike Makatsch. Wie kamt ihr dazu?

Markus: Detlev Buck, der Regisseur, hatte den Film bereits abgedreht gehabt und hat es Motor Music überlassen sich um den Soundtrack zu kümmern, und die sind irgendwie auf Wolfsheim gekommen, bzw. Buck selbst fand auch "Die Flut" ganz interessant. Dann ist festgestellt worden, daß die zwei norddeutschen "Parteien" eigentlich ganz gut zusammenpassen. Wir haben dann auch vorab schon mal den Film gesehen und wir hatten bereits ein Demo von dem Song, der Text war zu der Zeit noch nicht fertig. Wir haben dann festgestellt, daß das Lied und auch der Film sehr gut zusammenpassen, da beide das Spiel zwischen Gut und Böse thematisieren. Die Gegensätze Gitarre und Operngesang, Gut und Böse, Himmel und Hölle. Der Gesang war zwar da, aber der Text noch nicht und der wurde dann zum Film quasi ausgearbeitet.

Was uns im Nachhinein noch aufgefallen ist, daß das Lied im Zusammenhang mit dem Video, das Buck noch mit uns gedreht hat, am meisten aufgeht. Da ist es schade, daß der Clip so selten gezeigt wird.

 

./: Nachdem "Die Flut" ja ein Riesenerfolg war, habt ihr da erwartet, daß Wolfsheim mit "Once in a lifetime" an den Erfolg anknüpfen kann?

Markus: Was heißt erwartet? Also ich glaube das Ganze hätte auch ohne "Die Flut" stattfinden können. Wir hätten bestimmt auch einen Charteinstieg gehabt, keine Ahnung ob der dann so hoch gewesen wäre.

Aber wir hatten nicht unbedingt die Erwartung, da es ja eine ganz andere Art hat, dieses Lied. "Once in a lifetime" ist ein tanzbares Lied und "Die Flut" ist wieder ganz anders, also z.B. ist es deutschsprachig.

Eigentlich hätte man von uns wahrscheinlich eher erwartet, wenn wir es darauf abgesehen hätten unbedingt in die Charts zu kommen, auch was deutschsprachiges zu machen. Wir wußten nicht was passieren wird.

Die Chancen standen gut, aber daß es dann so gut gelaufen ist und das Lied immer noch in den Charts ist, damit haben wir nicht gerechnet.

 

./: Hat die Zusammenarbeit von Peter mit Joachim Witt die Arbeit an der neuen CD in irgendeiner Art beeinflußt?

Markus: Höchsten etwas behindert, da Peter hier und da mal in der Beziehung eingespannt war. Es ist auch nicht alles so 100%ig glücklich gelaufen, so daß sich die Wolfsheim CD dadurch ein wenig verzögert hat.

Aber auf künstlerischer Ebene hat sie uns, glaub ich, nicht beeinflußt.

 

./: Auf der "Once in a lifetime"-Maxi befindet sich auch "Love is strage", ein Stück, das im Original von Buddy Holly ist. Warum habt ihr es gecovert?

Markus: Wir sind schon lange mit der Idee schwanger eine EP zu machen mit Cover-Stücken. Wir wissen aber immer nicht, was wir covern sollen, außer daß wir keine Synthie-Band covern wollen.

Das ist nicht so spannend, weil die mit den selben Instrumenten arbeiten. Bei dem Ding war das jetzt so, daß der Lablegründer von Stange Ways uns dieses Stück nahegelegt hat, denn es ist eines seiner Lieblingslieder.

Der hat es uns mal vorgespielt und wir waren dann auch ganz angetan und es war auch eine Herausforderung für uns. So kam es dann halt zu dieser Coverversion.

 

./: Freut ihr euch schon auf die bevorstehende Tour?

Markus: Prinzipiell schon, ich bin nur sehr kaputt und würde lieber etwas ausspannen, aber das kriegen wir auch noch hin. Wir müssen jetzt nämlich noch ein Video drehen, dann geht's wieder ins Studio um "Künstliche Welten" abzumischen und dann müssen wir hin und wieder auch Interviews geben und das schlaucht alles schon ein wenig. Aber auf Tour zu gehen ist immer eine schöne Sache. Denn a) haben wir ein gutes Management und gute Lichtleute, mit denen wir uns gut verstehen. Das ist immer ein wenig Klassenfahrt-Feeling. Und b) kommt man mal mit den Wolfsheimfans zusammen und das ist auch eine interessante Sache. Man bekommt ja so nur mit, daß Platten gekauft werden, aber wer die Leute sind, die unsere Platten kaufen, das bekommt man halt nur auf einem Konzert mit.

 

./: Habt ihr etwas Besonderes für die Tour geplant?

Markus: Die Tour ist ja die Fortsetzung der Spectators-Tour, also quasi der zweite Teil. Wir werden jetzt natürlich mehr Stücke von der neuen LP spielen und versuchen die Bühnenshow mit dem Wasser und so noch zu perfektionieren.

 

./: Wie sieht im allgemeinen die Zusammenarbeit mit Strange Ways aus?

Markus: Nun gut Anfang des Jahres gab es Turbulenzen, das hatte auch was mit der "Flut" zu tun, aber das hat sich jetzt alles gelegt und somit sind wir zur Zeit hochgradig zufriedene Independentkünstler.

 

./: Ihr habt jetzt viel Arbeit hinter euch und eine Konzerttour vor euch, kann man da noch was in näherer Zukunft erwarten oder macht ihr danach erst mal eine Pause?

Markus: Erst mal Pause. Denn momentan könnte ich kein neues Stück schreiben, dazu stecke ich noch zu tief in "Spectators" drin und würde das neue Stück dann immer vergleichen.

Wir müssen jetzt erstmal ein wenig Abstand gewinnen.

Dann geht irgendwann die Arbeit zur neuen EP los, das wird aber noch etwas dauern.

 

./: Vielen Dank für das Phone-Interview und weiterhin viel Erfolg!

Markus: Ich bedanke mich auch. Bis dann!

 

 

Text: (SK)