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Zillo Nr. 10 Oktober 1993: Wolfsheim
Als vor zwei Jahren der unvergängliche Ohrwurm "The Sparrows And The Nightingales" sämtliche Äther durchströmte und Tanzflächen zu einer Ansammlung von verzückt schwebenden, wippenden Träumern werden ließ, war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere einer Band gelegt, die sich nach den beiden folgenden Singles "It´s Not Too Late" und "Thunderheart" sowie dem grandiosen Debütalbum "No Happy View" nicht verrückt machen ließ und nun mit "Popkiller" den langerwarteten zweiten Paukenschlag folgen läßt.
Peter Heppner mit seiner einfühlsamen, fast zärtlichen, doch kraftvollen Stimme verleiht einmal mehr Markus Reinhardts melancholisch-verträumten, stets melodiösen Arrangements einen passenden Ausdruck, der die intelligent-gefühlvollen Texte wie Gedichte hervorhebt - ernsthaft, von der Intensität des Gehalts selbst berührt und mit ähnlich harmonischer Eindringlichkeit, wie das musikalische Gewand zu verzaubern versteht.
Schon der Bandname Wolfsheim, auf einer Figur aus Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" beruhend, vereint heimisch Vertrautes mit der Faszination für und stillen Sehnsucht nach der unbekannten, wilden Schönheit einer noch unberührten, fremdartigen Welt.
In eine ähnliche Abgeschiedenheit zogen sich Peter und Markus auch zurück, um ihr neues Album "Popkiller" und die Vorab-Single "Now I Fall" einzuspielen, ziemlich unberührt von dem Trubel, den sowohl Presse als auch Fans nach über 40.000 verkauften Tonträgern um das Duo gemacht hatten.
"Trubel kam für uns eigentlich nicht so auf, obwohl in der Presse manchmal von den 'Newcomern des Jahres' die Rede war. Das haben wir gar nicht so mitbekommen", meint ein trotz des hektischen Betriebes auf der POPKOMM (Musikmesse in Köln vom 19.-22.8.93) und vergebenen Wartens verschiedener ausgefallener Interviews gut aufgelegter Markus. "Einiges hat sich natürlich schon geändert. Durch den Erfolg wurde es uns möglich, uns voll auf die Musik zu konzentrieren, aber wir machen weiterhin unsere Musik und lassen uns nicht irgendwelche Zwänge auferlegen, nur weil sich das erste Album so gut verkauft hat."
Man könnte natürlich vermuten, daß Wolfsheim das erfolgreiche Konzept des Vorgängers nathlos aufgegriffen hätten, um den Erfolg des Debütalbums zu wiederholen. Tatsächlich klingt "Popkiller" wie der zweite Teil eines umfangreicheren Epos, das seine Größe durch seine Homogenität gewinnt, und birgt gegenüber "No Happy View" keine wirklich großen Überraschungen. "Popkiller" ist ein typisches Wolfsheim-Album, mit allen Qulitäten, die bereits den ersten großen Wurf ausgezeichnet haben. Die leicht schwermütige Melodiösität wirkt sicher etwas ausgereifter. "Der Sound hat sich auch schon bei 'No Happy View' einfach aus der Zusammenarbeit ergeben", erklärt Peter das charakteristische Klangbild von Wolfsheim. "Wenn wir beide zusammenarbeiten, kommt Wolfsheim ´raus. Bei der 'Popkiller' haben wir allerdings etwas mehr herumprobiert, das hört man bei Stücken wie dem mehr klavierorientierten Song 'Faith', aber letztlich ist immer Wolfsheim dabei herausgekommen."
Die enge Beziehung zwischen dem Debütalbum und "Popkiller" wird nicht zuletzt durch das prägnant düstere Instrumental "No Happy View" geschaffen, das durch die Adaption des Titels vom Debütalbum ganz konkret darauf verweist, daß Wolfsheim ihren Erstling noch stark im Gedächtnis/in den Ohren haben. "No Happy View" sollte einen Zusammenhang zum ersten Album schaffen. 'No Happy View' ist für uns ja nicht zugeklappt und vergessen. Irgendwie beeinflußt uns das Debüt ja immer noch", meint Markus. "'No Happy View' ist eigentlich ein Stück, das schon auf der letzten LP hätte sein können. Wenn es als letztes Stück auf 'No Happy View' erschienen wäre, hätte es nahtlos in das 'Popkiller'-Album überleiten können."
Über den Namen des neuen Albums kann man ähnlich intensiv grübeln wie über den genial schlichten, doch viel interpretierbaren und höchst einprägsamen Bandnamen. "Popkiller" weist verwandte Qualitäten auf, scheint zum einen mit Augenzwinkern angesichts des häufig geäußerten Vorwurfs ausgewählt worden zu sein, Wolfsheim wären eine auf kommerzielle Interessen ausgerichtete Popband, anderseits schwingt die Vermutung mit, daß Wolfsheim mit überkommenen Popklischees brechen wollen. "Wir hatten zwei, drei Lieder der LP gemacht, da tauchte der Name 'Popkiller' auf", berichtet Peter über den tatsächlichen Ursprung des Albumtitels. "Ich weiß nicht mal, wem von uns der Name eingefallen ist, er war nur plötzlich da, und es war klar, daß die LP so heißen muß. Wir haben erst danach angefangen, darüber nachzudenken, warum der Titel so gut paßt, und es sind auch viele Stücke im Hinblick auf diesen Namen gemacht worden."
Nachdem Wolfsheim schon auf "No Happy View" mit "Kissing The Wall" einen deutschen Text verwendet haben, ist auf "Popkiller" mit "Auf ein Wort..." ein weiterer vertreten. Bereits die englischen Lyrics heben sich bei Wolfsheim wohltuend von den oftmals ideen- und inhaltlosen Phrasen der meisten englischsingenden Bands ab. In unseren Breiten tut man sich aber gerade mit der Akzeptanz von deutschen Texten immer noch schwer. Daran hat auch das neue Selbstbewußtsein der deutschen Gruftfront nichts ändern können, deren gezwungen düstere, verkrampft um Poesie bemühten Selbstbemitleidungen oftmals nur noch peinlich wirken.
Dagegen bewegen sich Wolfsheim ungewöhnlich sicher auf dem schmalen Grat zwischen Schmalz und selbstüberschätzenden Poesiebeschwörungen. "Auf der 'No Happy View' hatten wir auch schon einen deutschen Text, und wir hatten uns überlegt, daß wir, wenn wir einen guten deutschen Text finden, den auch verwenden und das Konzept auch beibehalten wollen, auf jeder LP, die wir vielleicht noch machen, einen Song mit deutschem Text zu singen", erklärt Peter. "Das werden wir allerdings nicht tun, wenn wir keinen guten deutschen Text zur Verfügung haben. Ich möchte nicht einfach ein deutsches Lied machen, nur weil es ein deutsches Lied ist, sondern es muß uns schon gefallen. Wir sind ja eine deutsche Band, und für mich persönlich ist die deutsche Sprache eine der schönsten, die ich kenne. Deswegen würde ich es schade finden, als deutsche Band keine deutschen Texte zu singen. Ein Grund, warum wir vor allem englische Musik machen, ist sicherlich der, daß wir mit englischer Musik aufgewachsen sind, daß sie uns geläufiger ist, aber das ist ja kein Grund, keine gute deutsche Musik zu machen. Ich finde, davon gibt es sowieso viel zu wenig."
Neben "Auf ein Wort..." gehört "Kaufraush" zu den bemerkenswertesten Songs auf "Popkiller", ein Titel, der allgemein bekannte und wenig anrüchige Sucht thematisiert, eine gewisse psychische Leere durch übersteigerte Kauffreudigkeit auszufüllen. "Kaufraush" ist so eine zweiseitige Sache. Zum einen trifft der Begriff 'Kaufraush' genau die Sache, was da eigentlich stattfindet. Zum anderen hat der Titel die Endung 'sh', ist also eingeenglischt worden. Das ist als kleine Rache dafür gedacht, daß unsere Sprache mit so viel englischen Begriffen 'verschönert' wird", erzählt Peter. "Es geht eben um Konsumgeilheit, ums Habenwollen. Irgendwie scheint es ein Grundanliegen der Menschheit zu sein, sich Besitz aneignen zu wollen. Gier ist offensichtlich auf ein Grundbedürfnis des Menschen zurückzuführen, deshalb bin ich sehr skeptisch, was Lösungen angeht. 'Kaufraush' hat aber noch eine andere Dimension. Man kauft sich ja nicht nur Sachen, man bezahlt auch nicht nur mit Geld. Man kauft sich Gefühle, man kauft sich Einstellungen und bezahlt sie mit Sex, Gefügigkeit, mit allem möglichen. 'Kaufraush' ist also weitaus vielschichtiger angelegt, als es zunächst scheinen mag. Das Phänomen spielt überall eine Rolle, nicht nur im Kaufverhalten der Leute."
Peter kreierte übrigens auch das Cover für "Popkiller", das auf der Vinyl-Version nicht nur das Gesicht eines finster dreinblickenden Mannes wie auf dem CD-Cover zeigt, sondern ein sich umarmendes Pärchen. Ursprünglich wollte Peter auch Maler werden, entschied sich aber nach Kenntnisnahme der Lehrmethoden auf deutschen Kunsthochschulen, sich mehr auf die Musik zu konzentrieren, was nach dem Erfolg des Debütalbums entsprechend leichter gefallen sein dürfte.
Zudem haben Wolfsheim bei der letztjährigen Zillo-Festival-Tour als Headliner feststellen dürfen, daß sich ihr Publikum nicht nur aus dem Gruft- und Poplager rekrutiert, sondern quer durch alle Altersstufen und sozialen Gruppierungen geht. Insofern hatte gerade die Presse stets Schwierigkeiten, in ihrem Bemühen, für alles und jedes ein Etikett zu finden, Wolfsheims Musik passend einzuordnen.
Auch "Popkiller" bewegt sich in einem Niemandsland zwischen eingängigen Popmelodien und dunklen Wavesongs, scheint sich in beiden Gefilden gleichermaßen wohlzufühlen, aber nirgends gänzlich dazuzugehören. Titel wie "For You I´m Bleeding", "Lovesong" oder "Entropy" üben manchmal einen sympathischen Charme aus, der stellenweise an die frühen Depeche-Mode-Tage erinnert, andere Songs wie "Gates" oder "Auf ein Wort..." zeigen sich im treibend-tanzbaren Gewand, und der Schlußsong "Faith" präsentiert sich gar als experimentelles, minimalistisch inszeniertes Klavierkleinod.
Markus und Peter nervt es schon ein wenig, daß man ihnen aus unterschiedlichsten Ecken vorwirft, kommerzielle Pop- oder Wavesongs zu produzieren, um vor allem das große Geld zu verdienen. "Es hat uns doch etwas geärgert, daß in einigen Zeitschriften darauf eingegangen wurde, daß wir ein spezielles Publikum belierfern, daß wir Musik am Fließband produzieren. Da frage ich mich zwar, wie man im Independent-Markt, der Musik für Minderheiten produziert, groß abkassieren kann, aber es ist ein netter Beigeschmack, bei einem Konzert zu sehen, daß dem nicht so ist, daß da wirklich verschiedene Gruppen vertreten sind. Wenn man die ganzen Kritiken in einem Topf wirft, ist man doch überrascht, daß man uns eben doch nicht einordnen kann, weil es anscheinend jeder anders sieht", meint Markus, und Peter schließt mit den Worten: " Mittlerweile hat man die verschiedensten Beschreibungen für unsere Musik gefunden. Von avantgardistischem Synthi-Pop ist beispielsweise die Rede. Man scheint sich aber auf den Begriff Dark-Pop geeinigt zu haben. Soll´n sie..."
Dirk Hoffmann |