|
Multimedia... . Galerie
|
Indigo Notes Februar 1999 (59): Wolfsheim - Observing the Spectators
It’s
Hurting For The First Time Peter: Das ist die Maxi vom Liebe Deine Nächste-Soundtrack. Seit wir Musik machen, denken wir über Filmmusik nach. Toll war, daß es noch keinen Text gab, als sich Buck für die Nummer entschieden hat, so daß wir uns hinsetzen konnten, die Preview angucken und direkt inhaltlich ansetzen. Markus: Wobei das Stück musikalisch gesehen auch das Leitmotiv des Films beinhaltet: den Gegensatz von Gut und Böse - die Opernstimme am Anfang, dann schräge Gitarren in der Mitte, dann beides. Also Härte und Weichheit. Und deswegen haben wir das Stück auch an die erste Stelle gesetzt, als Intro, weil’s auf der Platte ebenso konträr zugeht. Das Stück bereitet auf das vor, was dann so kommt. Künstliche Welten Peter: Das Lied ist ein Wunder. Markus: Genau! (entrückt) Wir haben einen Stern am Himmel gesehen... Peter: Ja, er ist uns erschienen. Nein, im Ernst. Wenn wir ganz ehrlich sind, wollten wir die Nummer noch schnell fertig machen, um auf der LP elf Stücke zu haben. Markus: Ganz so kann man das gar nicht sagen. Wir wußten schon, daß wir elf Stücke haben wollen. Das hat sich dann aber zum Füllstück entwickelt, weil wir im Studio gemerkt haben: Für das elfte Stück bleibt uns eigentlich keine Zeit. Ich weiß auch nicht, wie wir das geschafft haben, innerhalb von drei Jahren in so einen Zeitdruck zu kommen. Peter: Die Amerikanerin und der Engländer, die unsere Texte kontrollieren, hatten tierische Schwierigkeiten, die Texte immer dann da zu haben, wenn wir sie brauchten. Wir hatten keine Zeit, noch einen Tag darauf zu warten. Und dann meinte Markus: versuch's doch mal auf deutsch. Dann habe ich mich wirklich am letzten Tag hingesetzt, und es auf deutsch versucht. Wir waren alle ein bißchen skeptisch. Dann haben wir angefangen, das zu produzieren, und dann sind wir nur noch geflogen. Geiles Lied. Markus: Das ist aber ein bißchen untertrieben, wenn Peter sagt, daß er sich tagsüber hingesetzt hat. Peter ist morgens um zwei runtergekommen und hat das eingesungen. Und um elf Uhr morgens war das abgeschlossen. Und wir hatten Tränen in den Augen. (lacht) Für Wolfsheim ist Weihnachten jetzt am 3. Dezember! Touch Markus: Touch ist schon relativ lange fertig gewesen. Das war eine der ersten Sachen, die wir abgeschlossen hatten. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Außer, daß ich es gut finde. Peter: Touch ist einfach zum Licht ausmachen, Kerzen anmachen, in die weichen Kissen fallen. Und es geht um genau das, was man vermutet: Sich anfassen, sich zurücklehnen. Blind Peter: Da geht es um jemanden, der blind ist. Mir ist wichtig, daß da nicht so drauf rumgeritten wird. Blinde sind auch noch etwas anderes als blind. Eine körperliche Einschränkung zu haben ist nicht alles, was so einen Menschen ausmacht. In Blind ist die oder der Blinde, die/derjenige, die/der sagt, wo's lang geht. Ich hab dieses Lied gehört, und hatte auch schon die Gesangsmelodie im Kopf. Und da war mir komischerweise klar, daß es um irgendjemanden gehen muß, der blind, taub oder stumm ist. Das war zwingend. Da ist übrigens ‘ne Gitarre drin. Das einzige akustische Instrument auf dieser Platte. Markus: Auf Dreaming Apes hatten wir ‘ne Mundharmonika, hier haben wir eine Gitarre. ?: Auf der nächsten Platte dann beides zusammen? Peter: (angeekelt) O Gott, dann sind wir ja direkt am Lagerfeuer! Once
in A Lifetime ?: Dazu müssen wir wohl nicht mehr viel sagen oder? Markus: Ja, was kann man dazu noch sagen... Ich meine, so wie das jetzt gelaufen ist, ist das natürlich toll. Es ist einfach ein schönes Gefühl, sowas nach elf Jahren auf diesem Weg, ohne großen Werbeaufwand erreicht zu haben. Daß viele Leute die Musik einfach weitergegegeben haben, daß wir uns das so erarbeitet haben und jetzt da gelandet sind. Peter: Auf der Tour sind unheimlich viele Leute gekommen, die haben sich entschuldigt, daß sie mich erst seit der Flut kennen. Das ist völlig genial gewesen. Und das hat auch mit unseren eigentlichen Fans zu tun, weil die dann sagen: Siehste, ich hör’ das schon seit fünf Jahren. Und die glauben genauso „Wir haben’s geschafft“, wie wir das jetzt glauben können. Das macht einfach unheimlich Spaß. Sleep
Somehow Markus: Sleep Somehow ist eventuell auch auf einem Soundtrack drauf, vom neuen Dennis Hopper-Film. ?: Die Nummer klingt ziemlich modern. Markus: Aber eben auch ganz klar Wolfsheim. Du verwendest Drum-Loops, beschäftigst dich mit sowas und fragst dich: „Was mach ich jetzt damit, eigentlich paßt das ja gar nicht zu Wolfsheim?“, aber irgendwie gelingt uns immer, es ins „Wolfsheim-Korsett“ zu stopfen. ?: Ist das Drum’n’Bass? Peter: Keine Ahnung. Ich dachte immer, das wäre TripHop. Oder Breakbeat. Markus: Breakbeat. Das ist Breakbeat. Peter: Das paßt zum Stück, da ist der Name Programm. Irgendwie schlafen. Man muß irgendwie zur Ruhe kommen, ist völlig hinüber. Das könnte der Punkt am Rande des Wahnsinns sein. So fühlt man sich ja manchmal. Der Rhythmus und dieses Breakbeat-Ding haben das diktiert. Markus: Es wird auch einen Remix davon geben, eine siebeneinhalb Minuten-Version. Das ist dann noch extremer. Peter: Im Nachhinein könnte man auch sagen, das ist ein bißchen die Beschreibung des letzten Monats im Studio. Fünfzehn durchproduzierte Nächte, so hast du dich da gefühlt. For
You Peter: Das ist ein Liebeslied, oder besser gesagt ein: Abschiedslied. Das ist aber auch alles, was ich dazu sagen möchte. Das hat einen sehr persönlichen Bezug. Markus: Für mich ist das unser „Musical-Stück“. Wenn das Piano reinkommt, ist da schon so ein Schmalz-Faktor. Peter: Ja, und es eine hat unglaublich traurige Gitarre. Markus: Ist aber ein Synthie. Synthies sind halt doch die besseren Gitarren. Der ist einfach durch ein relativ billiges Effektgerät gejagt worden. Peter: Auf der Jagd nach dem traurigsten Song der Welt... Markus: Genau. Wir lassen uns in solche Stimmungen reinfallen, aber wir lassen uns nicht hängen. Wenn du dich hängenläßt, wird das ohne Ende verschnulzt. Das Piano ist ja schon eine Gratwanderung. Wir hätten natürlich auch noch hohe Stimmen reintun können, aber irgendwann muß man auch aufhören. Du kannst dir den Rest auch dazu denken. Read
The Lines Peter: Das ist inhaltlich das offenste Lied. Markus: Musikalisch auch. Es ist verspielt und kokettiert auch ein bißchen mit der Rave-Geschichte. Peter: Inhaltlich sind es die üblichen Floskeln. Und wenn man genau hinhört und fragt, was ist da eigentlich passiert, erfährt man nichts. Irgendwelche Zeilen, von irgendjemandem, die irgendwo hinterlassen worden sind, irgendjemand ist zu weit gegangen, hat irgendwas gemacht und irgendjemand konnte irgendwelche Fragen nie beantworten. Das kann alles und nichts sein. Das kann jeder Abschied sein. Und so, mit diesem „tanzenden“ Computer, der Melodie, die geht und kommt und geht - da ist das genau der richtige Text. I
Don’t Love You Anymore (Die Wolfsheimer grinsen in sich rein.) Peter: Bei dem Stück denke ich immer an die Sparks. Und an die Twins. Markus: Ich stell mir dazu vor, daß Peter und ich Twins-mäßig auf der Bühne stehen, einer im blauen Anzug, einer im rosa Anzug, mit dem Twins-Emblem. Peter: Nein: ich die eine Hälfte vom „W“ auf dem Jackett, du die andere. Markus: Genau. Dehalb muß ich grinsen. Ich würd’ gern mal so ein Video machen. Vor allem, weil jetzt gerade die ganzen Intellektuellen immer darauf rumreiten, daß die 80er Jahre eine ganz schlimme Zeit waren. Die haben damals halt auch nur die Twins gehört. Die haben nicht mitbekommen, daß die 80er absolut göttlich gewesen sind. Zum ersten Mal seit den 60ern gab es wieder sowas wie Stil. Heroin
She Said Markus: Die Nummer ist ja schon oft besprochen worden, aber die Percussions am Anfang finden immer so wenig Beachtung. Das sind gesampelte Naturdrums. Die geben dem sowas Stones-artiges. Klingt nach 70er, Bongos, und so. Wir haben das von irgendeiner hawaiianischen Platte runtergesampelt. Peter: Das ist übrigens eines der längsten Stücke... ?: ...der Welt?... Peter: ...Nein, von Wolfsheim. E Markus: Nach Heroin She Said kommt „E", und das sieht natürlich ein bißchen komisch aus. „E“könnte ja für „Ecstasy“ stehen, aber das war einfach der Arbeitstitel. Peter:
„E“ steht für alles, was mit E anfängt: Essen, Ekel, Elektro, Eisen, ...äääh...
Emil, Ente... Markus: Esel... Peter: Elbe... Markus: Ich könnte mir vorstellen, daß einige Leute auf die Idee kommen, „Ethno“ dazu zu sagen, weil wir da diese algerische Sängerin reingesampelt haben. Peter: Elgerien... ?: Ist die Nummer von Anfang an als Instrumental geplant gewesen? Peter: Das ist irgendwann ganz selbstverständlich zum Instrumental geworden. Markus: Am Anfang dachten wir, die Platte könnte relativ anstrengend sein, weil sie so massiv ankommt, mit so vielen verschiedenen Dingen. Und da haben wir dann halt diese ruhigere Chill Out-Nummer ans Ende gesetzt. Peter: Wir haben diese Sängerin zuerst einfach mal so da reinsampelt, und dann war das total klasse. Wir haben sie als Instrument benutzt. Das ist nicht herabsetzend gemeint. Aber ihre Stimme ist in diesem Stück ein Instrument, wie es auch der Kuckuck im Walde sein könnte, oder Meeresrauschen. Das ist das Geile am Sampeln: Du kannst jeden Ton dieser Welt benutzen, und ihn so verändern, wie es sein soll. :Und sonst? Sonst gab es Diskussionen um „Sneak Previews“ (Peter: „Filmpremieren für Leute, die Turnschuhe tragen“), Markus stellte fest, daß seine gestohlen geglaubte Blitz-LP seit Jahren bei Peter verschollen ist und verriet uns, wo Hamburgs einziger Zigaretten-Automat mit Auslese drin zu finden ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte... Lr |