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New Life Nr. 11 November 1993: Wolfsheim - No Compromise
Dennoch: Deutschland, uneinig Vaterland, schien auch der Grundtenor für den Pressespiegel zu sein. "Tanzbare Synthie-Melancholie mit Melodien von frappanter Schönheit" (TV-Spielfilm) contra "Dies ist die letzte Dark-Wave/Pop-Rezension..." (What`s the Noise). Von einer durchweg guten Printmedien-Stimmung konnte kaum die Rede sein. Die Plattenkäufer schien dies gottseidank nicht beeindruckt zu haben.
Gottseidank deshalb, da Peter Heppner und Markus Reinhardt, somit der finanzielle Fortbestand ihres Projektes gesichert wurde. Einmal mehr unter Mithilfe von Produzent Carlos Peron spielte man vor kurzem das zweite Wolfsheim-Album "Popkiller" ein, dessen Vorabbote "Now I Fall" (12") bereits den Ton für das im September veröffentlichte Opus angab. Inwiefern jenes ähnlich gute Verkaufszahlen nach sich zieht, kann schwerlich prognostiziert werden. Einerseits garantieren Stücke wie "For You", "Childhood Cruel" oder das deutschsprachige "Auf ein Wort" eine gewisse Massen-Kompatibilität, anderseits hinterlassen "...Scars Remain..." und "Kaufraush" abturnende Spuren. Insgesamt dennoch ein sehr gutes, in sich geschlossenes Album, das imstande ist, dem Hörer nicht nur ein wohliges Maß an Melancholie, sondern auch die hineininvestierte Mühe und Arbeit vor Ohren zu führen. Die warme Elektronik der Hanseaten ist dabei weitaus eingängiger und leichter zu erfassen als stilistisch zu definieren. Fernab von stampfenden Broiler-Techno ist bei Wolfsheim ebenso wenig eine übermäßige Annährung an den Markt der elektronischen Popularmusik (im negativen Sinne) zu verzeichnen.
Ein Grund für diesen Nischstatus zwischen Kunst und Kommerz dürfte der breitgefächerte Musikgeschmack des seit 1988 bestehenden Duos sein: Das Interesse reicht von Klassik bis Hardcore. Doch gerade diese Tatsache impliziert die Frage, wie die Entscheidung auf elektronische Musik fallen konnte. "Das war eigentlich eine zwangläufigkeit", so Peter. "Wenn du zu zweit Musik machst, bleibt dir gar nichts anderes übrig." Die technische Möglichkeit, verschiedene Instrumente im Studio hintereinander einzuspielen, stellte sich für die beiden als keine wirkliche Alternative dar. Peter: "Für mich ist das noch mehr Fake als die ganze elektronische Sache." Was an dieser Stelle wie eine Notlösung wirken mag, ist dennoch ein durchaus erwünschtes Resultat der Zwei-Personen Bandkonstellation, welche darüber hinaus zusätzliche Vorteile bietet. Markus: "Wenn man sich mit anderen Bands unterhält, hört man ja auch immer von diesen Übungsraum-Stories. So einen haben wir nicht; brauchen wir auch nicht. Ich setze mich lieber hin und übe schön gemütlich zu Hause." Peter: "Wir sind auch Leute, die sämtliche Sachen lieber für sich alleine machen. Bevor ich mich mit irgendwelchen anderen zusammensetzen muß, um zu viert oder zu fünft Kompromisse zu finden, schließe ich mich lieber mit einem zusammen und setze mich mit dem auseinander. Vielleicht sind wir auch einfach ein bißchen zu egozentrisch."
Bei der jetzigen Form der Zusammenarbeit scheint man hingegen keine Probleme zu haben. Es gebe, so Peter und Markus übereinstimmend, zwar auch Reibereien, die letztendlich aber kein wirkliches Problem darstellten, denn "wir haben für uns mal so festgelegt, daß das, was der eine überhaupt nicht will, auch nicht gemacht wird. Wenn ich einen Text schreibe, der Markus nicht gefällt, wird er eben nicht gesungen. Da gehört sicherlich auch ein bißchen die Fähigkeit zu, sich selber zurückzunehmen."
Daß dies bislang aber so unproblematisch ablief, liegt laut Markus aber auch daran, daß eben beide einen so weitläufigen Musikgeschmack haben. Eine grundsätzliche Offenheit gegenüber allen musikalischen Möglichkeiten ist dabei sicherlich eine weitere hilfreiche Voraussetzung. Und gerade das Zurückstecken der individuellen Interessen ist das eigentliche Charakteristikum an Wolfsheim. Peter: "Ich kann mich nicht auf der Bühne hinstellen und irgendwelche Arien singen. Ich muß michWolfsheim, und damit unserem gemeinsamen Konzept, unterordnen. Die Band ist das Ziel, auf das wir immer hinarbeiten." Das Wort Arbeiten darf bei Wolfsheim durchaus in der eigentlichen Bedeutung verstanden werden. Mit der obersten Maxime "Erfüllung der eigenen Ansprüche" versucht man, ein Produkt fertigzustellen, das weniger den Ansprüchen der Käufer gerecht wird, als eigenen, durchaus hohen Vorstellungen und Maßstäben. Peter: "Jetzt bei "Popkiller" hatten wir uns auch vorher Rückendeckung vom Label geholt, um frei arbeiten zu können. Wir hatten klargestellt, daß das Album beim Auftreten von Schwierigkeiten halt später rauskommt; so daß es eben nur unseren persönlichen Druck gab."
Der Leser wird nun zur Recht hinterfragen, ob tatsächlich nur eigene Ansprüche für die Komposition der Songs eine Rolle spielen. Ist man tatsächlich so frei von Verkaufsinteressen? Peter: "Gut, ich meine, wir bekommen jetzt natürlich auch schon ein bißchen Geld für unsere Sachen - ist auch sehr angenehm. Aber ich glaube nicht, daß ich mich nicht auch ohne diese Einnahmen durchschlagen könnte. Solange ich davon nicht wirklich abhängig bin, interessieren mich auch keine Verkaufszahlen." Markus: "Wir "leben" zwar seit etwa einem halben Jahr von unserer Musik, aber dadurch hat sich unser Lebensstandard kein Stück verändert. Wir brauchen nebenbei keinen Job mehr. Da wir nicht mehr arbeiten, können wir uns stärker auf die Musik konzentrieren." Ein Satz, der sicherlich auch manch anderer Band gern von den Lippen kommen würde, der Sänger Peter aber dennoch etwas ärgert: "Also, was heißt >> nicht mehr arbeiten <<, ich glaube, ich habe im letzten halben Jahr mehr gearbeitet, als jemals zuvor. Der Unterschied ist nur, daß man es halt gerne macht, weil einem die Sache sehr am Herzen liegt und auch sehr viel Herzensblut drinsteckt. Man ist damit dann auch viel empfindlicher, als mit Produkten, die man wo anders herstellt. Von daher kann ich für uns ausschließen, auf Erwartungen der Leute einzugehen, um im Enddefekt ein paar Mark mehr zu haben".
Doch es gab nicht nur finanzielle Resonanz. Sicherlich mit bedingt durch den engen Kontakt vom Hamburger Label zum Verlagsgiganten Warner Chappel entstanden für Wolfsheim mehr als einmal furchtbare Verbindungen zu anderen Trägern und Förderern des Musikgeschäftes. Die Zusammenarbeit mit Peron ist ein Beispiel. Leni Riefenstahls Interesse an einer Videoproduktion mit der sympathischen Band wäre ein weiteres. Peter: "Es gab Kontakt zu der Frau, und sie ließ uns durch das Büro mitteilen, auch was mit uns machen zu wollen. Nun gut, letztendlich hatte sich das ganze zerschlagen, weil sie ständig unterwegs war und wir auch keine Lust hatten, ewig zu warten. Aber grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht: Wenn du die Idee hast mit jemanden was zu machen, der meinetwegen auch etwas bekannter ist, solltest du auf jeden Fall nachfragen. Die meisten Leute sind zu solchen Sachen eher bereit als man annehmen möchte. Wär es anders gewesen, wären wir auch an Peron nicht rangekommen."
Auch wenn letzterer Wolfsheim durch seine Produktiven Fähigkeiten positiv beeinflußt hat, mußten Peter und Markus doch auch Rückschläge hinnehmen. Etwas verbittert erinnert man sich an das geplante Video zu "Now I Fall": "Die Leute, mit denen wir bei "Now I Fall" zusammengearbeitet hatten, haben doch etwas andere Vorstellungen, was die Produktion eines Clips angeht. Ich laß´ mich nicht ausschließen, wenn es um ein Video von mir geht. Unsere Vorschläge wurden nicht mit einbezogen, und ich lasse mich in meinem eigenen Clip nicht zum Statisten machen", so Peter. "Dazu sind wir auch zu wenig Musiker. Wir sind beide sehr vielfältig interessiert auch vielseitig gebildet, was kreative Sachen angeht. Das hört nicht bei der Musik auf. Von daher kann man so etwas mit uns nicht machen."
Weitreichende Fähigkeiten, nicht nur im musikalischen, sondern generell im musischen Bereich, muß man den beiden zweifellos attestieren. So verwundert es auch nicht, daß Peter das Cover zum neuen Album selber gemalt hat. Finstere Mine zum zweideutigen Titel.
Wolfsheim sind bestimmt keine Popkiller. Aber sie sind erfrischend ironisch. Oder habe ich es einfach nur falsch interpretiert.
Lars Rhode |